Literarische Freundschaftsbriefe von Werner Kraft an Hubert Breitenbach

In seinen Erinnerungen „Spiegelung der Jugend“ schildert Werner Kraft den Anfang
einer lebenslangen, über 75 Jahre währenden literarischen Freundschaft. Sie begann September 1915 nach der Einberufung zweier Neunzehnjähriger in eine hannoveraner Kaserne: „Das war nun das neue Leben, marschieren, schießen, schrubben, Gewehr-
reinigen, systematisch müde werden. ...Bei den Schießübungen schloß ich während des Abdrückens fest die Augen. Das Gewehrreinigen bewältigte ich nicht. Das Gewehr auseinandernehmen, das war leicht, die Teile wieder zusammensetzen, unmöglich. Da war plötzlich einer da, der mir half. Er hieß Hubert Breitenbach. Wir sprachen miteinan-
der, wir kamen uns nähen. ... Das Gewehrreinigen war eine Stunde der Entspannung, es ging da lebhaft und vergnügt zu. Plötzlich wurde es still, wir merkten es nicht, so vertieft waren wir in unser Gespräch, Hubert und ich. Wir sahen auf: alle hörten zu und lachten. Es war ein gutmütiges Lachen, es war etwas wie Respekt vor dem Geist, halb unbewußt drückte er sich aus. ..Wovon wir sprachen? Von Borchardt, von Kraus, aber Borchardt stand im Vordergrunde.“
Sehr bald wurden sie durch Versetzung in verschiedene Truppenteile getrennt. Doch der Grundstein zu einer literarischen Freundschaft, die später auch die Zeit des National-
sozialismus und die dauerhafte Emigration Werner Krafts nach Palästina überstand, war gelegt. ...

Aus dem Brief von Werner Kraft an Hubert Breitenbach, Jerusalem, 21.9.1946

... Wie Du vielleicht noch weißt, war ich Anfang 1937 noch einmal für drei Monate in Paris. Damals hatte ich meine persönlichen Beziehungen zu Benjamin wieder angeknüpft und war oft mit ihm zusammen. Ich hatte den Jochmann bei mir und habe ihn ihm zu lesen gegeben. Er war sehr beeindruckt von ihm. Ich bat ihn aus-
drücklich, von diesem Eindruck keinen schriftlichen Gebrauch zu machen, und er sagte es mir ausdrücklich zu. Wie es zu gehen pflegt, brach ich kurz vor meiner Abreise aus Paris meine persön-
lichen Beziehungen zu ihm jäh ab, ohne jede Beziehung auf Joch-
mann. Ich tat es in einem freundlichen Briefe, den er erstaunt und nichtverstehend aber grundsätzlich ebenso freundlich beantwor-
tete. Der tiefste Grund war der, daß ich seine auf Eis gekühlte Höflichkeit, sein Geheimhalten dessen, was er eigentlich dachte, seine zeremoniöse Distanzierung bei scheinbarer Hochschätzung plötzlich unerträglich fand. Vielleicht mit Unrecht, aber so bin ich eben. Ich habe dann persönlich nichts mehr von ihm gehört, bis im April 1940 im Jg. VIll H 1/2 der Zeitschrift für Sozialforschung, deren ständiger Mitarbeiter er in den letzten Jahren gewesen war, der Jochmannsche Aufsatz „Die Rückschritte der Poesie“ mit einer Iängeren Einleitung von ihm erschien. Ich war maßlos empört, um so mehr, da sich nicht einmal eine mich erwähnende Fußnote fand und ich genau wußte, daß er Jochmann nur von mir kennengelernt hatte. Ich schrieb einen Brief an den Herausgeber [Max Horkheimer] in Amerika, von dem ich eine redaktionelle Erklärung verlangte, und dieser schickte mir nach einiger Zeit die Abschrift eines Briefes von Benjamin an ihn, in dem er sich mit einem Lügengewebe rechtfertigte, vor dem ich fassungslos stand und im Grunde noch heute stehe: unser Bruch sei eben wegen Jochmann erfolgt, weil ich eine Erklärung von ihm verlangt hätte, nichts über ihn, der ihm seit lange bekannt gewesen sei, zu veröf-
fentlichen, eine Erklärung, die er abgelehnt habe usw. Ich schrieb einen für Benjamin bestimmten Brief an den Herausgeber, den dieser bestimmt nicht hinter den Spiegel gesteckt hat aber dann kam die Tragödie, zuerst die Frankreichs und dann neben so vie-
len auch die Benjamins. Er floh nach Südfrankreich, in die damals unbesetzte Zone, ich glaube in die Gegend von Lourdes. Seine Freunde in Amerika verschafften ihm ein amerikanisches Visum. Dieses hatte er also in der Tasche, wahrscheinlich auch reichlich Geld. Da aber die damaligen französischen Behörden Juden kein Ausreisevisum gaben, mußte man truppweise illegal die Grenze überschreiten und sich zu Fuß durch Spanien schlagen, um in Lissabon ein amerikanisches Schiff zu besteigen. In dem ersten spanischen Ort wurden sie mit der Begründung angehalten, es sei eben ein Gesetz erlassen, das Juden die Einreise verbiete, sie müßten entweder zurück oder sie kämen in ein Lager. Am näch-
sten Tage stellte es sich heraus, daß es sich um ein Druckmittel handelte, um eine entsprechende Bestechungssumme zu erzie-
len. So sind alle Beteiligten glücklich nach Lissabon - und Ame-
rika - gekommen, aber Benjamin hatte in der Nacht Morphium ge-
nommen und war trotz aller Versuche nicht mehr zum Leben zu erwecken. Mir gegenüber ist er mit einem Makel behaftet, und doch halte ich ihn für den tiefsten geisteswissenschaftlichen Kriti-
ker meiner Generation, wie immer es mit seiner privaten Moralität beschaffen sei. Doppelt tragisch, daß sein Lebenswerk, an dem er seit 30 Jahren arbeitete und mit dem er die größten Vorstellungen verband (die der Titel kaum entsprechend wiedergibt) ein Buch war, das den Titel „Paris, die geistige Hauptstadt des 19. Jahr-
hunderts“ heißen sollte. Du siehst an diesem winzigen Aus-
schnitt aus dem großen Grauen, wie hoffnungslos verwirrt heute alle geistigen und moralischen Beziehungen zwischen Menschen sind. Nicht umsonst heißt mein Roman, von dem ich Dir wohl schrieb, „Der Wirrwarr“.

Werner Kraft. Foto: Hubert Breitenbach
Werner Kraft. Foto: Werner H. Preuß, 6. Juni 1989
„Christian Wagner“, Gedicht gesprochen von Werner Kraft