Jakob Heinrich von Lilienfelds großer Entwurf eines friedlichen, freien und vereinten Europa
Jakob Heinrich von Lilienfeld (1716-1785) ist Verfasser des bei weitem ausführlich-
sten und detailliertesten deutschsprachigen Entwurfs einer europäischen Friedens-
ordnung im 18. Jahrhundert und des einzigen, den ein Diplomat erarbeitet hat. Er stand als Geheimer Legationsrat in holsteinischen Diensten und gehörte einem Kreis von aktiven Aufklärern und Unternehmern in Póltsamaa/Oberpahlen an, der die politische Reform und wirtschaftliche Modernisierung Rußlands anstrebte. Sein Hauptwerk Neues Staats-Gebäude erschien 1767 bei Breitkopf in Leipzig und um-
faßt 374 Quartseiten.
Die Idee der europäischen Vereinigung ist nicht neu. Die ersten Entwürfe eines Friedensbundes unter den christlichen Nationen Europas entstanden im Zusam-
menhang mit den Kreuzzügen und der Abwehr der Bedrohung durch islamische Mächte. Bis ins 20. Jahrhundert hinein hielten Politiker und Diplomaten die euro-
päische Vereinigung für unausführbar. Als politische Option der ersten Wahl galt die Schaffung eines Gleichgewichts der Kräfte. Dieses herzustellen und zu erhal-
ten, galt als die hohe Kunst der Diplomatie. Metternich und Bismarck verstanden sie meisterlich.
Das Zeitalter des Absolutismus erhob die Souveränität zum höchsten politischen Dogma. Der Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts hielt daran fest. Im Sy-
stem des Gleichgewichts der Kräfte bleibt die Souveränität der Staaten formal un-
angetastet. Der absolutistische Begriff von Souveränität ist jedoch prekär. „Man denkt sich jeden Staat als souverän für sein Herrschaftsgebiet, aber ein absoluter Geltungsanspruch für ein begrenztes Geltungsgebiet ist eine contradictio in adiec-
to
“, erläutert der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch. „Vom Souveränitätsdogma aus ist also die Leugnung der Rechtsnatur des Völkerrechts, ja der bindenden Kraft der Staatenverträge, folgerichtig geboten“. Wann immer es vorteilhaft scheint, werden zwischenstaatliche Verträge aufgekündigt, da ein Souverän nur sich selbst gegenüber verantwortlich ist.
Auf schwankendem Boden steht also das System des Gleichgewichts der Kräfte, das auf Freundschafts- und Beistandsverträgen basiert und aus mehreren regionalen Subsystemen zusammengesetzt ist. Es läßt sich schwerlich über längere Zeit aufrechterhalten. Denn klei-
nere Staaten müssen ihre politischen Fühler nach der gegnerischen Großmacht ausstrecken, um im eigenen Lager politische Bedeutung zu erlangen und ihr nationales Interesse zu vertreten. Die Großmächte haben sich dagegen permanent anzustrengen, ihr Lager zusam-
menzuhaken, dem Gegner Bündnispartner abzuwerben und aufzurüsten. Das System des Gleichgewichts der Kräfte gewährt den kleine-
ren Staaten taktische Freiheit. Wenn eine Großmacht jedoch zu stark wird und nichts mehr zu fürchten hat, verlieren sie jede Eigenstän-
digkeit. Sie sinken auf den Status von Provinzen herab. Während also die Großmächte nach Souveränität, nach möglichst unumschränk-
ter Herrschaft streben, werden die kleineren Staaten alles daransetzen, ein labiles Gleichgewicht zu erhalten. Das Souveränitätsdogma führt also nicht zu Souveränität im Sinne völliger Sicherheit und Handlungsfreiheit, sondern zu instabilen zwischenstaatlichen Verhältnis-
sen, und das System des europäischen Gleichgewichts erweist sich als konfliktträchtig. Es sichert nur vorübergehend den Frieden und treibt über kurz oder lang zum Krieg.
Die Aufgabe einer vernünftigen Europapolitik besteht darin, eine dem Zivilrecht vergleichbare Völkerrechtsordnung zu etablieren, die jeder Nation garantierte Freiheiten bei akzeptablen Einschränkungen gewährt. Nur durch Abtretung von Rechten an eine überstaatliche Organi-
sation können die europäischen Nationen befriedete, stabile Verhältnisse erreichen und damit paradoxerweise erst souverän im eigenen Hause werden.
Mit diesem Argument wirbt Jakob Heinrich von Lilienfeld für ein vereinigtes Europa. Kein anderer deutscher Autor seiner Zeit hat den Abso-
lutismus in seinem Zentrum, der Kriegsmaschinerie, so massiv angegriffen wie er. Seine Polemik richtet sich gegen die Fürsten, die ihr Privatvergnügen mit dem Staatsinteresse gleichsetzen und die Politik zum „Staatszeitvertreib“ entwürdigen.