Zwei neuentdeckte Fragmente Georg Christoph Lichtenbergs über Physiognomik
Als Karikaturist und Satiriker war Lichtenberg an den Physiognomien seiner Zeitge-
nossen lebhaft interessiert. Seine täglichen Menschenstudien machten ihn freilich zum schärfsten Kritiker der Physiognomik Johann Kaspar Lavaters, jener Lehre von der Entsprechung der Schädelprofile mit psychischen Eigenschaften, die sich sei-
ner Zeit ungeheuerer Popularität erfreute. Lavater verstieg sich in einen Schematis-
mus, der in der Arbeit „an einer Maschine [...] Silhouetten zu zeichnen [gipfelte],
die zugleich, ohne weiteres Zutun des Zeichners, die Grade des Talents angibt, womit der Kopf ausstaffiert ist. Das Instrument nannte er „Stirnmesser“

Die gefährlichen Kurzschlüsse, zu denen diese Lehre führen mußte, veranlaßten Lichtenberg 1776/77 zu öffentlicher Kritik und satirischen Bemerkungen: „Ich woll-
te hindern, daß man nicht zu Beförderung von Menschenliebe physiognomisierte, so wie man ehmals zu Beförderung der Liebe Gottes sengte und brennte
. Denn: Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen ehe sie die Taten getan haben, die den Galgen verdienen, es
wird also eine neue Art von Firmelung jedes Jahr vorgenommen werden. Ein physiognomisches Auto da Fe.
Die rassistische Tendenz, die die Physiognomik sehr bald einschlug, blieb von Lichtenberg nicht unbemerkt:

Ich will nur etwas weniges für den Neger sagen, dessen Profil man recht zum Ide-
al von Dummheit und Hartnäckigkeit und gleichsam zur Asymptote der Europäi-
schen Dummheits- und Bosheits-Linie ausgestochen hat. Was Wunder? da man Sklaven, Matrosen und Pauker, die Sklaven waren, einem Candidat en belles let-
tres gegenüberstellt. Wenn sie jung in gute Hände kommen, wo sie geachtet wer-
den, wie Menschen, so werden sie auch Menschen [...] Gegen ihre Westindischen Schinder sind sie nicht treulos, denn sie haben ihren Schindern keine Treue ver-
sprochen. Der weiße dünnlippige Zuckerkrämer ist der Nichtswürdige im Handel.

Lichtenbergs aufklärerischer Kritik gelang es nicht, den Siegeszug der Physiogno-
mik aufzuhalten. Wissenschaftler, wie Lichtenbergs Göttinger Kollege, der Philo-
soph Christoph Meiners, und der Wiener Hirnforscher Franz Joseph Gall begannen vielmehr seine satirischen Übertreibungen durch Realisierung einzuholen.