„Lenzens Eseley“ – „Der Tod der Dido“

„detektivisch-kriminalistische rekonstruktion der vorgänge um die bekannte rätselhafte „eseley“ von lenz bei seinem aufenthalt in weimar 1776.

diese episode in lenz’ und in goethes leben ist von wesentlich mehr als anekdotisch-biographischer bedeutung; sie gehört - soviel war zu vermuten - in den umkreis der etablierung eines bürgerlichen schrift-
stellers in höfisch-absolutistischen zusammenhängen und in den kreis der fragen, die die veränderung der goetheschen ästhetik im rahmen des feudal-bürgerlichen kompromisses betreffen. preuß be-
legt überzeugend, schritt für schritt vorgehend, alle mosaiksteine zueinander in beziehung legend, daß lenz offenbar ohne beleidigende absicht in einem pasquill anprangerte, was er für eine erniedrigung des goetheschen genialen talents halten mußte: die produktion von singspielchen für eine liebhaberbühne des weimarer hofes, d.h. für den höfischen dilettantismus. er kann eine goethesche fastnachts-
hanswurstiade erschließen, geschrieben für den februar 1777, wobei wir dann die lenz’sche „dido“ als den pasquillartigen reflex auf das nicht erhaltene goethesche „dido“-stück betrachten können.

preuß’ rekonstruktion des ganzen vorgangs ist der bisher bei weitem konsistenteste versuch, alle indizien im umkreis der lenz’schen „eseley“ gewissermaßen in eine reihe zu bringen und als eine ‚ge-
schichte’ zu erzählen, die zugleich den charakter einer hypothese hat. und diese hypothese beruht auf einer subtilsten kenntnis der faktoren im ersten jahr goethes in weimar als der ouvertüre zu dem prekären – und ja auch von vielen autoren damals gescholtenen – versuch, als bürgerlicher in die sphäre eines hofes zu wechseln und dort reformierend zu wirken. preuß’ arbeit ist ganz vorbildlich, weil sie engstens am material arbeitet, vorwissen und spekulation vermei-
det und ein bild entwirft, das von mehr als punktueller bedeutung ist für die einschätzung der dynamik des täglichen und des literarischen lebens am weimarer hof der frühen jahre goethes dortselbst.“
Prof. Dr. Jörg Drews, Universität Bielefeld