„Gedichte von Isidor Bürger“, Lüneburg 1836
Eine (späte) Buchbesprechung
Das Geheimnis des Pseudonyms „lsidor Bürger“ blieb nicht lange gewahrt. Schon im „Verlags-Verzeichniß der Herold- und Wahlstabschen Buchhandlung in Lüneburg“ zur Michaelismesse 1837 wurde, in Klammern eingeschlossen, auch der bürgerliche Name preisgegeben: Der Verfasser ist „Dr. Langrehr“. Fürs Geschäft war es sicher vorteilhaft, wenn das Publikum in dem Autor die wichtige Persönlichkeit erkannte, die Ernst Langrehr damals in Lüneburg zu werden begonnen hatte. Diesen Mann von seiner schwachen Seite, der Poesie, der Liebe und seinen Leidenschaften betrachten zu können, verhieß ein besonderes Vergnügen.

Sich ohne Scheu zu seinen Leidenschaften zu bekennen, ist ein Zeichen aufrech-
ter Haltung. Dieser Freimut leitete Ernst Langrehr selbst hei der Wahl des Pseudo-
nyms: „lsidor“, griechischer Herkunft, bedeutet „Geschenk der lsis“, der Leben spendenden ägyptischen Göttin. Der Name läßt aber nicht nur humanistische Bil-
dung mitklingen. Seit dem Altertum nannten sich Juden, die lsai oder lsaak hie-
ßen, in feindseliger heidnischer oder christlicher Umgebung lsidor, so daß der Na-
me in den Ohren des 19.Jahrhunderts charakteristisch jüdisch klang. Viele altte-
stamentliche Namen wie David, Daniel, Jakob, Salomon, selbst Aaron waren da-
gegen in protestantisch-pietistischen Familien in Mode gekommen und hatten ihr jüdisches Ansehen verloren. Mit der Wahl des Vornamens „lsidor“ bezeugt der Protestant Ernst Langrehr also den seltenen und achtenswerten Wunsch, sich von den ererbten Vorurteilen und Vorrechten der christlichen Mehrheit zu emanzipieren.
Im Namen „Bürger“, dem Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, entsagt der Jurist Ernst Langrehr allen „angestammten“ Rechten. Ohne Anse-
hen der Person sollen seine Gedichte beurteilt werden. Eine Assoziation von seinem Pseudonym auf den berühmten Dichter Gottfried August Bürger kann auch beabsichtigt gewesen sein: Auch der machte seinem Namen alle Ehre.