Karl Haage und das Humanistische Bildungsideal

Seit 1829 verkünden diese Worte, welcher Geist im Johanneum Lüneburg walten soll: Die Schule sei der wissenschaftlichen Lehre, der Bildung eines aufrechten Charakters und der Men-
schenliebe gewidmet. Diesen Dreiklang komponierte Karl Haage (1801-1842), der Initiator der humanistischen Erneuerung, die für das gesamte 19. Jahrhundert prägend gewesen ist und bis heute nachwirkt. In seiner Rede zur feierlichen Einweihung des klassi-
zistischen neuen Schulgebäudes am 2. November 1829 legte er dar, was er „als den schönsten Zweck der Schule, als das herrliche Ziel, was allen Lehrern vor Augen schweben“ müsse, betrachtete:

Doctrinae, Virtuti, Humanitati. Gelehrsamkeit soll auf den Schu-
len geübt werden, d.h. der rechte Grund, der Weg zu derselben soll gezeigt, der Jüngling nicht in das Heiligtum geführt, aber der Vorhang soll ihm gelüftet werden. Er soll die Vernunft als das schönste Geschenk der Gottheit betrachten, es nähren, wecken, pflegen. Aber er soll dasselbe nicht durch eine zu umfassende Thätigkeit und im Streben nach Vielwisserei verdunkeln; ihm ist in der Schule ein Mittelpunkt gegeben, worauf er sein Augenmerk richten, in dem er ganz leben soll – das klassische Altertum. Die Alten sind die Meister des Guten und Schönen, in Wahrheit und Gründlichkeit. Wer sie vernachlässigt, den trifft der ärgste Vorwurf. [...]
Karl Haage. Alte Photographie einer verlorenen Bleistiftzeichnung

Die Schule führt zur Tugend, denn sie läßt schon im zarten Knaben-
alter das Kind umgehen mit den großen Männern aller Zeiten, mit
den Völkern, die unübertroffen in der Geschichte dastehen, mit Grie-
chenlands und Latiums Heroen, Kriegern, Staatsmännern, Dichtern, Philosophen. Die Schüler hören alles Große und Herrliche in schö-
ner, hinreißender Sprache vortragen, jede Tugend, jede Trefflichkeit wird ihnen vor Augen gestellt, ihr Herz von der Erbärmlichkeit der Alltagswelt geführt in die Welt der Ideale. Dadurch wird ihr Sinn gehoben und geadelt.
Ex hac igitur disciplina prodiere viri, qui animi ingenuam liberalitatem olim principibus et nobilioribus tantum propriam – et suam et cuivis, qui studio et industria praecelleret, communem facerent, qui generis nobilita-tem, nobiliorum potentiam et arrogantiam frangerent et perderent, illustriorem virtutis et industriae nobilitatem conderent.

[Aus diesem Unterricht sind Männer hervorgegangen, welche die freigeborene, edle Gesinnung des Geistes, die ehedem nur Fürsten und Adligen vorbehalten war, zu einem Gemeingut für sich und jeden machten, der sich durch Eifer und Fleiß auszeichnete, die den Geburtsadel, die Macht der Adligen und ihren Hochmut brachen und beseitigten und den vornehmeren Adel der Tugend und des Fleißes begründeten.]
Und dies alles weckt nicht bloß den heißen Trieb der Ehre und des Lobes, nein, die Tugend der Alten giebt dagegen den sichersten Schutz. Ihre Weisheit hielt die Vernunft und die Seele des Menschen für göttlichen Ursprungs, den nur der Körper und die Materie verdun-
kele und verfinstere. Sie verlange unablässigen Kampf mit der Sinn-
lichkeit, Achtung gegen das Höhere in uns, sie fordere verecundia, temperantia, modestia [Schamgefühl, Mäßigung, Besonnenheit], und damit nicht zufrieden, im Äußeren, in Tracht und Kleidung, in der Hal-tung des Körpers, in jeder Miene, in jedem Worte Anstand, Ruhe, männliche Besonnenheit, Schönheitssinn. Auch baue die Schule nicht allein auf diese Weisheit, sie sei ja auch gegründet auf christ-lichen Sinn, mit der Kraft und dem Stolz des Altertums paare sich des Christen Milde und Demut. Und so entstehe denn durch die Vereinigung der doctrina und virtus das Ziel der Menschenbildung, Humanität in der edelsten Bedeutung: Erleuchtung des Geistes, Anerkennen seiner hohen Bestimmung, Veredelung des Herzens, Besonnenheit und besonnene Haltung, das Äußere geregelt nach dem Sinn für Schönheit.“

Aus: Briefe und Reden des Direktors des Johanneums Dr. Karl Haage aus den Jahren 1823-1842. Nebst einem Abrisz seines Lebens. Vom Direktor Dr. R. Haage. In: Jahresbericht des Johanneums zu Lüneburg. Ostern 1898, S. 3-34, hier S. 16f

Szenischer Vortrag über Karl Haage am 22. Dezember 2006 in der Aula des neuen Johanneums. Foto: Ritter
Die historischen Gebäude des Johanneums
Renaissance 1581. Aus: Dr. W. F. Volger: Dem Johanneum in Lüneburg am IV. October MDCCCLXXII.
Klassizismus 1829. Aquarell von A. Leman. Museum für das Fürstentum Lüneburg
Neoklassizismus 1872. Foto: Museum für das Fürstentum Lüneburg